Theorie und Praxis, wie sich die Zeichengeschwindigkeit auf das Bild und den Betrachter auswirkt

‘Der Teil einer Zeichnung, an der Du am längsten gearbeitet hast, ist oftmals auch der Teil, der das Bild ruiniert.’

Die ersten leichten Linien, elegant, energiegeladen und von sich überzeugt fangen in schnellen Armbewegungen die Gestik und Bewegung eines Motivs, einer Pose ein. Hast du dir vorgenommen strukturiert zu arbeiten, vermeiden wir unbedingt den Blick auf Details und das Korrigieren von weniger gut platzierten Strichen. Wir gehen nur voran, bleiben nicht hängen und beschreiben lediglich die wichtigsten und erklärenden Stellen. Auch bewahren wir uns diese ersten Ausführungen, denn wir wissen: Am ehesten vergibt uns der Betrachter hier und sogar fehlerbehaftet verleiht Schwung und Dynamik Schönheit.

Das Gesamtbild lässt sich erahnen und wir erkennen, wo die Proportionen nicht ganz passen. Ein guter Zeitpunkt mit der gleichen Geschwindigkeit, mit dem selben leichten, schnellen Strich die Halsverlängerung anzudeuten, die Hüfte höher zu ziehen oder den Kopf größer zu machen, immer noch ohne an Anmut zu verlieren.

Nun möchtest du Volumen schaffen, Mund und Augen platzieren, Muskeln und überlappende Körperteile andeuten, also Schatten in die Zeichnung bringen, der dem Ganzen Struktur gibt. In dieser zweiten Phase vermindert sich die Zeichengeschwindigkeit um 30-50%. Noch gehen wir nicht in’s Detail: Anstatt wirklich den Mund zu malen, siehst du nur den Schattenwurf der Unterlippe zum Kinn. Das Dunkel, was die Erhöhung der Wangenknochen hervorbringt oder die Schulter im Licht. Tiefer im Bild liegende Teile des Körpers. Einfach als leichte, gleichmäßig, immer noch relativ schnell angebrachte Schraffur, richtet sich dein Blick lediglich auf das Dunkel des ganzen Motivs.

In dieser zweiten Phase, setze auch die ersten punktuellen Tiefdunkeltöne als enge Schraffierung oder dunkle Vollfläche. Die Achselhöhle, dunkle Stellen des Ohres und der Schatten, den dieses auf den Nacken wirft, um die Position des Kopfes zu verdeutlichen. Die linken und rechten Dunkelpunkte des leicht geöffneten Mundes, auch der Bauchnabel, welcher unbedingt korrekt positioniert ist. Mit Vorsicht vielleicht auch die Augenpupille und der Schattenstrich der Wimpern, die dem Gesicht einen ersten gefühlsbetonten Blick verleihen.

Die Zeichnung ist vollendet, möchtest du diese als Geste und schnelle Übung belassen. Oder gehe in die dritte Phase über, der nun langsamen, exakten Ausarbeitung von Details, die du als wichtig und markant empfindest. Sehr bedachtes Vorgehen ist aber geboten, denn in dieser Phase setzten wir uns der Gefahr aus zu Frickeln und damit zu zerstören. Zu dunkle, nicht mehr entfernbare Linien zu ziehen. Die Festsetzung der Dinge durch Detailausarbeitung ist definitiv. Patzer hier sind meist unabänderlich und fallen anderen sofort auf,… einem selber leider oft zu spät. In diesen letzten Arbeitsschritten nimmst du dem Betrachter Stück für Stück die Phantasie, mit der dieser nicht ganz so klare Flächen selbständig ausfüllt, Linien in Gedanken fortführt. Eigentlich der magische Moment. Gut ist es, der Lust und dem Spaß am Sehen Raum zu lassen, verständlich aber auch der Wille selber auszuführen und dem Bild den letzten Schliff zu geben. Bedenke nur, dass Fehler hier nicht vergeben werden, von dir und vom Betrachter.

 

(Bilder: 1-5 minütige Zeichnung aus einer Aktzeichen-Session)

Titelbild:

IMG_0179

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